Die Grenzen freier wissenschaftlicher Mobilität
Mit Hilfe von Publikationsdaten zeichnet eine aktuelle Studie nach, wie sich Forschende zwischen 2009 und 2022 innerhalb der Ukraine und über Landesgrenzen hinweg bewegten. Während Regionen, die konfliktbetroffen waren, Forschende verloren, gewannen andere als Zielregionen zunehmend an Bedeutung. Diese Verschiebungen setzten bereits ein, nachdem Russland 2014 die Krim völkerrechtswidrig annektiert hatte und die Kämpfe im Donbas begonnen. Die Studie zeigt deutlich, dass wissenschaftliche Mobilität in Konfliktzeiten nicht einfach als freie Entscheidung verstanden werden kann.
Nur zwei Tage nach dem Beginn des Angriffs russischer Streitkräfte auf die Ukraine im Februar 2022 mobilisierte der Hashtag #ScienceForUkraine breite internationale Unterstützung für vom Krieg betroffene Wissenschaftler*innen. Dabei sind sie nur eine von vielen Gruppen, deren Leben und Arbeit durch bewaffnete Konflikte massiv beeinträchtigt werden. Da ihre Qualifikationen international gefragt sind, wird häufig angenommen, dass sie vergleichsweise frei entscheiden können, ob und wohin sie gehen.
In einem neuen Artikel in Population and Development Review stellen Michael Zaslavsky (University of Wisconsin-Madison) und Aliakbar Akbaritabar (MPIDR und Universität Rostock) diese Annahme auf den Prüfstand. Sie untersuchen, was mit wissenschaftlicher Mobilität geschieht, wenn Krieg die Möglichkeiten einschränkt. „Die russische Vollinvasion machte die Vertreibung ukrainischer Forschender besonders sichtbar. Unsere Studie zeigt jedoch, dass sie betroffene Regionen bereits nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland und dem Beginn der Kämpfe im Donbas 2014 verließen – sowohl in Richtung anderer Teile der Ukraine als auch ins Ausland”, fasst Akbaritabar zusammen.
Publikationsdaten machen Forschungsmobilität sichtbar
Um die Bewegungen der Wissenschaftler*innen zu rekonstruieren, nutzten Akbaritabar und Zaslavsky eine besonders aufschlussreiche digitale Spur, die Forschende hinterlassen: ihre wissenschaftlichen Publikationen. Darin sind die institutionellen Zugehörigkeiten der Autor*innen verzeichnet – also die Universitäten, Forschungsinstitute oder andere Einrichtungen, mit denen sie beruflich verbunden sind. Indem Zaslavsky und Akbaritabar diese Angaben für Zehntausende Forschende nach einzelnen Regionen der Ukraine aufschlüsselten und Veränderungen zwischen 2009 und 2022 verfolgten, konnten sie die Forschungsmobilität über mehr als ein Jahrzehnt hinweg mit ungewöhnlich hoher geografischer Auflösung abschätzen.
Ein Konflikt, unterschiedliche regionale Entwicklungen
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die wissenschaftliche Landkarte der Ukraine nach 2014 verschob – allerdings regional sehr unterschiedlich. Zwischen 2015 und 2017 verließen mehr Forschende die Regionen Donezk und Luhansk in Richtung anderer Teile der Ukraine, als in diese Regionen zogen. Pro 1.000 aktiv publizierende Forschende waren es in Donezk etwa 54 mehr, in Luhansk etwa 46 mehr. Betrachtet man die Mobilität über die Landesgrenzen hinweg, sticht die Krim hervor: Dort lag der Nettoverlust bei etwa 117 Forschenden je 1.000. Auch Donezk verzeichnete mit rund 66 je 1.000 einen deutlichen Nettoverlust ins Ausland.
Diese Verluste kamen auf unterschiedliche Weise zustande: In manchen Regionen wechselten mehr Forschende zu Einrichtungen im Ausland, in anderen kamen weniger Forschende aus anderen Ländern hinzu. In den besonders betroffenen Regionen überwogen insgesamt die Abgänge. Die Veränderungen beschränkten sich jedoch nicht auf die unmittelbar vom Konflikt betroffenen Gebiete. Der Konflikt ging also nicht nur mit einer Abwanderung von Forschenden aus der Ukraine einher; auch innerhalb des Landes verschob sich ihre Verteilung.
Ein Ergebnis überraschte die Autoren besonders. „Innerhalb der Ukraine hatten wir erwartet, dass stärker entwickelte Regionen ihre eigenen Forschenden eher halten und zugleich neue anziehen können. Stattdessen zeigte sich, dass Forschende aus diesen Regionen offenbar auch eher in andere Teile des Landes wechseln konnten”, erklärt Zaslavsky. Eine mögliche Erklärung ist, dass Forschende dort stärker mit anderen Forschungseinrichtungen vernetzt sind und deshalb in Krisenzeiten leichter in andere Regionen wechseln können.
ie Karten zeigen die Bilanz zwischen Zu- und Abwanderung – innerhalb der Ukraine und über Landesgrenzen hinweg. Blau steht für Nettoverluste, Gelb für Nettogewinne.
© MPIDR
Wissenschaftliche Mobilität ist nicht immer eine freie Entscheidung und wichtig für den Wiederaufbau
Publikationsverläufe zeigen, dass sich die institutionelle Zugehörigkeit von Forschenden verändert hat, nicht aber warum sie ihren Arbeitsort wechselten. Die Autoren betonen dennoch, dass wissenschaftliche Mobilität in Kriegszeiten nicht einfach als freie Entscheidung für die beste berufliche Perspektive verstanden werden kann. Hohe Qualifikation und internationale Kontakte schützen Wissenschaftler*innen nicht zwangsläufig vor Vertreibung – und garantieren umgekehrt auch nicht, dass diejenigen gehen können, die gehen möchten. Mit einem Ortswechsel nehmen sie Wissen, berufliche Netzwerke und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit. Wohin sie gehen, ist deshalb für beide Seiten von Bedeutung: für die Regionen, die sie verlassen, und für jene, die sie aufnehmen.
Der Fall der Ukraine lässt sich daher nicht auf eine einfache „Brain-Drain”-Geschichte reduzieren: Forschende verlassen nicht nur das Land, sondern verteilen sich auch innerhalb der Ukraine neu. Öffentlich zugängliche bibliometrische Daten können Befragungen, administrative Daten und qualitative Forschung sinnvoll ergänzen. Sie machen sichtbar, wo Wissenschaftssysteme in Krisenzeiten Forschende verlieren und wohin diese wechseln. Dieses Wissen ist besonders wichtig, wenn Länder vor der Aufgabe stehen, ihre Forschungslandschaft und wissenschaftlichen Institutionen wiederaufzubauen.